
Lebenslauf
Christian Sigrist, in seiner Heimat "de Sagä-Chrischti" genannt, wurde am 8. Mai 1906 in Ewil bei Sachseln im Kanton Obwalden geboren. Er besuchte die Primarschule von Sachseln. In Sarnen absolvierte er eine Lehre als Elektriker. Dann begann er in der mechanischen Werkstätte seines Vaters zu arbeiten. Schon damals zeigte sich sein Hang zu kreativem Tun. Als Achtzehnjähriger konstruierte er zum Beispiel für seinen jüngeren Bruder Otto ein Velo. Seine ausgeführten Objekte muten teilweise sogar avantgardistisch an. In den dreissiger Jahren konstruierte er für den "Chrigä Hans", der als erster auf der Frutt überwinterte, auf dessen Hausdach eine windbetriebene Anlage zur Stromgewinnung. Sie funktionierte einwandfrei, wenn auch das Windrad den Winterstürmen nur eine Woche lang standhielt.
Christian Sigrists Interesse für alles Mechanische ist wohl der Grund , dass er sich schon früh für Motorräder und Automobile zu interessieren begann. Man weiss das er sich mit seinem Motorrad sogar an den damaligen Klausenrennen beteiligte. Diese Begeisterung für Motorfahrzeuge wirkte sich auch auf seine Alltagsarbeit aus: er betätigte sich in der Folge als Lastwagen-Chauffeur. Nach dem Zweiten Weltkrieg, im Jahre 1945, eröffnete er in Sachseln eine eigene Schlosserei, in der er hauptsächlich Schlösser und Schlossbeschläge herstellte und alte Schlösser kunstgerecht restaurierte. Von 1934 bis 1971 besorge Christian Sigrist die in Obwalden geradezu legendär gewordene "Aelggi-Post". Mit seinem eigens hierfür umgebauten Allzwek-"Ford" transportierte er praktisch alles, was auf die Alp und wieder hinunter gebracht werden musste, angefangen bei den Feriengästen und Älplern, über die Dinge, die das Bergrestaurant benötigte, und die Messutensilien des Pfarrers, bis zu Waren und Zuchtvieh. Die Strasse in der Aelggialp war damals noch recht abenteuerlich und stellenweise sehr gefährlich. Man erzählt sich, dass er den besorgten Älplern jeweils die Abfahrt und die Ankunft telefonisch mitteilen musste, wenn er ihre hochprämierten Zuchttiere transportierte. Wenn er nicht innerhalb einer Stunde an Bestimmungsort ankam, wurde unverzüglich Alarm geschlagen.
Diese Transportarbeiten, dass heisst vor allem natürlich die damit zusammenhängenden unvermeidlichen, oft stundenlangen Wartezeiten auf der Aelggialp, sind der eigentliche Grund, aus welchem Christian Sigrists kunstgewerbliche und künstlerische Tätigkeiten herauswuchsen und sich weiterentwickelten. Zuerst begann er für die Buben auf der Alp, die ihm interessiert zusahen, allerlei kleine Dinge zu schnitzen: Holzspielzeug, kleine Werkzeuge, Pfeile, "Nusstrüller" und ähnliche Dinge. Auf diese Weise entstand aber auch Geräte und Gebrauchsgegenstände für die Älpler, die man gerade benötigte, etwa Pfannenknechte, die sogenannten "Chessler", oder Bratgabeln. Je nach Wetter befand sich Christian Sigrists "Arbeitsplatz" in der Küche oder Wirtschaft oder draussen vor dem Haus und auf der Alpweide.
1940/41 erbaute Christian Sigrist in Ewil, in unmittelbarer Nähe seines Elternhauses, ein eigenes Haus. Am 20. September 1941 heiratete er die Obwaldnerin Margaritha Limacher aus Alpnach. Die Trauung fand in der Kirche Madonna del Sasso in Locarno statt, wohin gleichzeitig die Hochzeitsreise führte. 1943 wurde der Sohn Kurt geboren. Das Jahr 1971 brachte eine Zäsur in den gewohnten Lebesnsrythmus von Christian Sigrist. In diesem Sommer - er war damals 65 Jahre alt - erlitt er den einzigen Unfall mit dem Auto in der ganzen Zeit seiner 37jährigen Tätigkeit des gewerbsmässigen Transportdienstes auf die Aelggi-Alp. Er gab in der Folge diese Tätigkeit schlagartig auf. Noch im selben Sommer mietete er mit seiner Frau Margaritha das alte kleine Bauernhaus auf Arben ob Stalden. Dort, auf 1000 Metern Höhe, fühlte er sich ruhig und ungestört, und fortan verbrachte er die Sommerwochen und die Wochenenden meistens hier. Er richtete sich eine kleine Werkstatt ein. Der grösste Teil der Arbeiten für seine Miniaturmodelle entstand an diesem Ort.
Zwei Jahre später - der eigentliche Grund war eine angekündigte Hobbyarbeiten-Ausstellung im Mattli-Schulhaus in Sachseln - begann er, all die Dinge, die ihn auf der Alp umgaben, in verkleinerter Ausführung zu schnitzen: all die Gerätschaften und Werkzeuge des Älplerlebens. Immer mehr solcher plastischer Abbilder sammelten sich mit der Zeit an, und mit der Arbeit wuchs auch die Freude und Lust an dieser Tätigkeit. Die kleinen Gegenstände wollten in der Folge sinnvoll geordnet werden und fanden schliesslich ein sinnvolles Zuhause in einer Miniaturalphütte, in deren Innerem eine Alpkäserei minuziös nachgebildet wurde, mit allen Details - Eine Darstellung, in der die Älpler ihre sommerliche Tätigkeit erstaunt und erfreut wiedererkannten und hineinprojiziert sahen. So entstand das erste Modell einer Reihe, die Christian Sigrist in der Folge immer häufiger und intensiver beschäftigte. Das Interesse, das seine Bekannten den Darstellungen entgegenbrachten, spornte ihn zusätzlich an, weiterzumachen. Als Vorbilder dienten ihn nun Arbeitsplätze verwandter landwirtschaftlicher Berufe, und immer mehr auch alte Handwerke, die er noch selber kannte und die er langsam aber sicher endgültig verschwinden sah: eine Schmiede, eine Küferei, eine Sägerei. Die meisten dieser Modelle entstanden in der Stille und Abgeschiedenheit seines Hauses in Arben.
Als was soll man Christian Sigrist bezeichnen? Als Künstler, Kunsthandwerker, Volkskundler, Sachkundler, Gerätehistoriker? Er ist wohl alles in einem. Kunstlerische Ambitionen hat er sicherlich nie gehegt. Vielleicht gerade deshalb sind seine Arbeiten zu faszinierenden naiven Kunstwerken geworden, deren intensiver Ausstrahlung sich kaum jemand zu entziehen vermag. Er verändert an der Wirklichkeit nicht das Geringste, er bildet das in der Realität vorgegebene praktisch unverändert ab und stellt Sachverhalte dar, ähnlich wie das ein wissenschaftlicher Forscher tun würde. Aber - und das ist das Wesentliche -er schafft Distanz zu den Dingen, indem er sie ins winzige verkleinert. Das ergibt völlig neue Perspektiven auf all das Gewohnte, das uns im Alltag umgebt. Und daraus wiederum wachsen neue Einsichten in grössere Zusammenhänge.
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